
Die Wirtschaftsplanung im Krankenhaus war schon immer anspruchsvoll. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen wird sie jedoch zunehmend zu einer strategischen Führungsaufgabe. Politische Vorgaben, Erlöslogiken und Refinanzierungsmechanismen verändern sich, während Krankenhäuser gleichzeitig Versorgungsauftrag, Personalplanung, Liquidität und Investitionsbedarf im Blick behalten müssen.
Mit dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz, dem Krankenhausreformanpassungsgesetz und dem geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz stehen Krankenhäuser vor tiefgreifenden Veränderungen ihrer wirtschaftlichen Grundlagen. Leistungsplanung, Pflegebudget, Tarifrefinanzierung, Ambulantisierung, Kurzliegerlogiken und Liquidität geraten gleichzeitig unter Druck. Die Fortschreibung vergangener Wirtschaftspläne reicht vielerorts nicht mehr aus.
Damit verändert sich auch die Rolle des Krankenhaus-Controllings. Es geht nicht mehr nur darum, Zahlen aufzubereiten, Entwicklungen rückblickend zu bewerten oder Abweichungen zu dokumentieren. Controlling muss stärker dazu beitragen, unter unsicheren Bedingungen belastbare Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. Die zentrale Herausforderung lautet: Wie bleibt ein Krankenhaus steuerungsfähig, wenn die Planungsgrundlagen selbst in Bewegung sind?
Viele Planungsroutinen beruhen darauf, Entwicklungen aus der Vergangenheit fortzuschreiben: Fallzahlen, Kostensteigerungen, Tarifentwicklungen, Budgeteffekte, Investitionen und Erfahrungswerte aus den vergangenen Jahren. Diese Logik bleibt als Ausgangspunkt relevant, verliert aber an Belastbarkeit, wenn sich zentrale Rahmenbedingungen gleichzeitig verändern.
Gerade in der aktuellen Situation greifen einzelne Planungsparameter stärker ineinander. Veränderungen in der Leistungsmenge wirken sich auf Erlöse, Personalbedarf und Sachkosten aus. Ambulantisierung verändert nicht nur stationäre Fallzahlen, sondern auch Prozessanforderungen und Erlösstrukturen. Tarifsteigerungen beeinflussen die Kostenbasis, während Pflegebudget, Kurzliegerlogiken und Liquiditätsfragen zusätzliche Unsicherheiten erzeugen. Zugleich müssen Leistungsgruppen, Qualitätsanforderungen und regionale Versorgungsbedarfe strategisch eingeordnet werden.
Damit wird Wirtschaftsplanung weniger zu einer reinen Rechenaufgabe und stärker zu einem Prozess der Annahmenklärung. Entscheidend ist nicht nur, welche Zahl am Ende im Plan steht. Entscheidend ist, welche Annahmen dieser Zahl zugrunde liegen, wie belastbar diese Annahmen sind und welche Risiken entstehen, wenn sie nicht eintreten.
Unter Reformdruck reicht ein einzelner Planwert immer weniger aus. Ein Wirtschaftsplan bleibt notwendig, sollte aber nicht den Eindruck erwecken, die Zukunft lasse sich auf eine erwartete Entwicklung verdichten. Vielmehr braucht es Szenario- und Risikoplanung, um unterschiedliche Entwicklungen systematisch durchzudenken.
Ein Basis-Szenario kann abbilden, welche Entwicklung unter plausiblen Annahmen erwartet wird. Ein Belastungsszenario kann sichtbar machen, welche Effekte entstehen, wenn zentrale Risiken eintreten: geringere Fallzahlen, verzögerte Erlöse, steigende Kosten, Personalengpässe oder stärkere Ambulantisierungseffekte. Ein Entwicklungsszenario kann prüfen, welche Handlungsmöglichkeiten sich aus Spezialisierung, Kooperation, Prozessveränderungen oder Portfolioanpassungen ergeben.
Der Mehrwert liegt nicht allein in der Berechnung unterschiedlicher Varianten. Szenarioplanung zwingt dazu, Annahmen transparent zu machen. Sie zeigt, welche Planungsgrößen besonders sensibel sind und wo Risiken kumulieren können. Sie hilft, wirtschaftliche Effekte nicht isoliert zu betrachten, sondern in ihren Wechselwirkungen zu verstehen.
Gerade im Krankenhaus ist diese Perspektive wichtig. Ein Rückgang stationärer Leistungen betrifft nicht nur Erlöse, sondern auch Auslastung, Personalsteuerung, Infrastrukturkosten und strategische Leistungsbereiche. Eine unbesetzte Schlüsselposition kann Auswirkungen auf Qualität, Leistungserbringung und Erlössicherung haben. Investitionen können medizinisch oder strukturell notwendig sein, binden aber kurzfristig Liquidität. Gute Planung muss solche Zusammenhänge sichtbar machen.
Ein zentraler Baustein strategischer Steuerung ist die Leistungsplanung. Sie wird unter den aktuellen Reformbedingungen stärker zur Schnittstelle zwischen Medizin, Pflege, Finanzen und Unternehmensstrategie. Es geht nicht nur darum, welche Leistungen in der Vergangenheit erbracht wurden, sondern welche Leistungsbereiche künftig fachlich, personell, strukturell und wirtschaftlich tragfähig sind.
Dabei darf die Betrachtung nicht rein betriebswirtschaftlich verengt werden. Krankenhäuser erfüllen Versorgungsaufträge, sichern regionale Strukturen und tragen Verantwortung für Patient. Gleichzeitig kann nicht jedes Haus jede Leistung in gleicher Weise vorhalten. Spezialisierung, Kooperation und Profilbildung gewinnen an Bedeutung.
Controlling kann an dieser Stelle Transparenz schaffen. Es kann sichtbar machen, welche Leistungsbereiche wirtschaftlich relevant sind, wo personelle oder strukturelle Risiken bestehen, welche Leistungen für das regionale Versorgungsprofil unverzichtbar sind und wo strategische Entscheidungen vorbereitet werden müssen. Damit wird Leistungsplanung zu einer gemeinsamen Aufgabe von Geschäftsführung, Controlling, Medizin, Pflege und weiteren Verantwortlichen im Krankenhausmanagement.
Mit dieser Entwicklung verändert sich die Rolle von Controllerinnen und Controllern. Klassisches Berichtswesen bleibt wichtig: Monatsberichte, Soll-Ist-Vergleiche, Budgetüberwachung und Abweichungsanalysen sind weiterhin unverzichtbar. Doch sie reichen nicht mehr aus, wenn Planung stärker unter Unsicherheit erfolgt.
Controlling muss Daten in steuerungsrelevante Aussagen übersetzen. Es muss Entwicklungen einordnen, Annahmen hinterfragen, Risiken quantifizieren und Handlungsoptionen vorbereiten. Die Rolle verschiebt sich damit vom Zahlenlieferanten hin zum strategischen Sparringspartner für Geschäftsführung, kaufmännische Leitung, ärztliche und pflegerische Direktion sowie Aufsichtsgremien.
Diese Aufgabe verlangt nicht nur analytische Kompetenz, sondern auch Kommunikations- und Übersetzungsfähigkeit. Wirtschaftliche Kennzahlen müssen mit medizinischer und pflegerischer Realität verbunden werden. Denn gute Planung entsteht nicht allein im Tabellenblatt. Sie entsteht im Dialog zwischen den Bereichen, die Verantwortung für Versorgung, Qualität, Personal, Wirtschaftlichkeit und Strategie tragen.
Controlling wird wirksam, wenn es nicht nur Daten bereitstellt, sondern gemeinsame Entscheidungsfähigkeit herstellt.
Viele Krankenhäuser stehen vor ähnlichen Herausforderungen, aber nicht vor identischen Ausgangslagen. Ein Maximalversorger, ein Schwerpunktversorger, ein spezialisiertes Fachkrankenhaus oder ein kleineres Haus im ländlichen Raum werden Reformeffekte, Leistungsgruppen, Personalrisiken und Liquiditätsfragen unterschiedlich bewerten müssen. Umso wichtiger wird der fachliche Austausch über Planungsannahmen, Risiken und Steuerungsoptionen.
Im Mittelpunkt stehen dabei unter anderem folgende Fragen:
Welche Risiken ergeben sich aus den aktuellen Reformen für Erlöse, Pflegebudget und Liquidität?
Welche Planungsparameter müssen für die Wirtschaftsplanung 2027 und 2028 neu bewertet werden?
Wie können Szenario- und Risikoplanung belastbar aufgebaut werden?
Welche Auswirkungen haben Tarifsteigerungen, Ambulantisierung und Kurzliegerlogiken auf Ergebnis und Steuerung?
Wie lassen sich Planungen so aufbereiten, dass sie auch für Geschäftsführung und Aufsichtsgremien nachvollziehbar und entscheidungsrelevant sind?
Diese Fragen lassen sich nicht allein abstrakt beantworten. Sie brauchen fachliche Einordnung, Praxisperspektiven und den Austausch zwischen denjenigen, die in Krankenhäusern Verantwortung für Steuerung, Planung und wirtschaftliche Stabilität tragen.
Die beschriebenen Fragen lassen sich nicht allein innerhalb einzelner Häuser beantworten. Zwar unterscheiden sich die Ausgangslagen je nach Versorgungsstufe, Leistungsprofil, Trägerschaft und regionaler Einbindung erheblich. Gleichzeitig stehen viele Krankenhäuser vor vergleichbaren Herausforderungen: Sie müssen Reformeffekte einordnen, Planungsannahmen überprüfen, Risiken bewerten und wirtschaftliche Steuerung unter unsicheren Bedingungen weiterentwickeln.
Gerade deshalb gewinnen Formate an Bedeutung, die fachliche Einordnung, Praxisperspektiven und kollegialen Austausch miteinander verbinden. Sie ermöglichen es, eigene Annahmen zu spiegeln, Planungslogiken zu hinterfragen und unterschiedliche Lösungsansätze kennenzulernen. Das ist besonders dort wertvoll, wo es keine einfachen Blaupausen gibt, sondern Häuser ihre strategischen Antworten aus ihrer jeweiligen Ausgangslage heraus entwickeln müssen.
Der Rheinische Krankenhaus-Controllertag 2026 greift diese Fragen unter dem Titel „Vom Spargesetz zum Wirtschaftsplan – Wie Krankenhäuser trotz Reformdruck steuerungsfähig bleiben“ auf. Im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen aktueller Reformen auf die Wirtschaftsplanung 2027 und 2028, die Neubewertung zentraler Planungsparameter sowie der Aufbau belastbarer Szenario- und Risikoplanung.
Weitere Informationen und Anmeldung:
https://mibeg-institute.de/weiterbildungen/medizin/gesundheitsmanagement/Rheinischer-Krankenhaus-Controllertag
Controlling kann Unsicherheit nicht beseitigen. Aber es kann helfen, Unsicherheit zu strukturieren. Es kann Annahmen transparent machen, Risiken sichtbar machen, Szenarien entwickeln und Handlungsoptionen vorbereiten. Gerade unter Reformdruck wird diese Funktion zentral.
Die Wirtschaftsplanung im Krankenhaus wird dadurch anspruchsvoller, aber auch strategisch bedeutsamer. Sie ist nicht nur eine kaufmännische Pflichtaufgabe, sondern ein Instrument der Unternehmenssteuerung. Sie zeigt, welche Erwartungen ein Haus an seine Leistungsentwicklung, seine Ressourcen, seine Kostenstruktur und seine strategische Positionierung hat.
Gerade weil die Rahmenbedingungen unsicher bleiben, wird strategisches Controlling zu einer zentralen Voraussetzung dafür, dass Krankenhäuser auch unter Reformdruck steuerungsfähig bleiben.

Dr. Shermineh Shahi
Dr. Shermineh Shahi ist Institutsleiterin bei den mibeg-Instituten und verfügt über langjährige Erfahrung in der Entwicklung und Umsetzung beruflicher Weiterbildungen im Gesundheitswesen. Nach ihrer Promotion an der Universität Amsterdam in Biologie wechselte sie in die Bildungsarbeit und gestaltete als Seminarleiterin, Projektleiterin und heute als Leitungspersönlichkeit innovative Bildungsprogramme mit.
Mit einem akademischen Hintergrund und fundierter Forschungserfahrung verbindet sie analytisches Denken mit praxisorientierter Bildungsarbeit – immer mit dem Ziel, Wissen wirkungsvoll in berufliche Handlungskompetenz zu übersetzen.