Leadership.jpg

Maßnahmen zur Sicherheit im Klinikalltag

Gewalt gegenüber medizinischem Personal entwickelt sich zunehmend zu einer ernstzunehmenden Herausforderung im Gesundheitswesen. Besonders in Notaufnahmen, wo viele unterschiedliche Belastungsfaktoren zusammenkommen, berichten Beschäftigte von einer spürbaren Zunahme an verbalen und körperlichen Übergriffen.

Vor diesem Hintergrund setzen Kliniken verstärkt auf unterschiedliche Maßnahmen, um die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden zu erhöhen und Konflikte frühzeitig zu entschärfen.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Sicherheitsdienste, die insbesondere in Notaufnahmen präsent sind und in kritischen Situationen schnell eingreifen können. Ergänzend dazu werden bauliche Maßnahmen umgesetzt, etwa durch kontrollierte Zugänge, getrennte Wartebereiche oder räumliche Anpassungen, die eine bessere Übersicht und Steuerung von Patient:innenströmen ermöglichen.

Ein weiterer wichtiger Ansatz liegt in der Schulung des Personals. Deeskalationstrainings und Selbstverteidigungskurse sollen Mitarbeitende darauf vorbereiten, mit angespannten Situationen professionell umzugehen und Eskalationen möglichst zu vermeiden. Dabei geht es nicht nur um den Umgang mit aggressivem Verhalten, sondern auch um kommunikative Strategien, die helfen können, Konflikte frühzeitig zu entschärfen.

Einige Kliniken setzen zudem auf spezielle Angebote, bei denen Psycholog:innen sowohl Mitarbeitende als auch Patient:innen und Angehörige in belastenden Situationen begleiten. Oft kann bereits ein kurzes Gespräch dazu beitragen, Spannungen zu reduzieren und Eskalationen zu verhindern. Gleichzeitig bieten solche Angebote die Möglichkeit, belastende Erlebnisse nachzuarbeiten und langfristige psychische Folgen zu vermeiden.

Bodycams als ergänzender Schutzansatz

Ein weiterer Ansatz, der derzeit erprobt wird, ist der Einsatz von Bodycams in Notaufnahmen. Das Klinikum Dortmund gehört zu den ersten Einrichtungen in Deutschland, die diese Maßnahme im Rahmen eines Pilotprojekts testen. Die Kameras werden sichtbar am Kittel getragen und können in Situationen aktiviert werden, in denen Konflikte mit Patient:innen oder Angehörigen zu eskalieren drohen. Ziel ist es, durch die Ankündigung einer möglichen Aufzeichnung deeskalierend zu wirken und im Ernstfall Beweismaterial zu sichern. Während medizinischer Behandlungen und in vertraulichen Gesprächen bleiben die Kameras ausgeschaltet.

Der Einsatz ist klar geregelt: Die Aktivierung erfolgt nur nach vorheriger Ankündigung, die Nutzung ist freiwillig und in ein umfassenderes Sicherheitskonzept eingebettet. Auch datenschutzrechtliche Vorgaben spielen eine zentrale Rolle, etwa durch einen streng begrenzten Zugriff auf die Aufnahmen und automatische Löschfristen.

Gleichzeitig fällt die Bewertung von Bodycams differenziert aus. Zwar deuten erste Praxiserfahrungen darauf hin, dass bereits die Ankündigung der Kamera in einzelnen Fällen beruhigend wirken kann und Mitarbeitende sich sicherer fühlen. Wissenschaftlich ist ihre Wirkung jedoch nicht eindeutig belegt. Studien aus anderen Einsatzbereichen zeigen, dass Bodycams je nach Situation sowohl deeskalierend wirken als auch ohne Effekt bleiben oder sogar Spannungen verstärken können. Gerade in Notaufnahmen, in denen Patient:innen oft unter Schmerzen, Angst oder dem Einfluss von Alkohol oder Drogen stehen, kann die Präsenz einer Kamera auch als zusätzliche Belastung wahrgenommen werden. Bodycams gelten deshalb bislang nicht als alleinige Lösung, sondern als ergänzendes Instrument innerhalb eines breiteren Sicherheitskonzepts.

Langfristige Ansätze zur Reduzierung von Gewalt im Gesundheitswesen

Diese verschiedenen Maßnahmen zum Schutz des Personals zeigen, wie ernst die Situation in vielen Einrichtungen inzwischen genommen wird. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie nachhaltig diese Ansätze sind und ob sie die eigentlichen Ursachen der Gewalt im Gesundheitswesen ausreichend adressieren.

Viele Expert:innen weisen darauf hin, dass Übergriffe nicht isoliert entstehen, sondern häufig Ausdruck struktureller Probleme sind. Überlastete Notaufnahmen, lange Wartezeiten, Personalmangel und unklare Patientensteuerung tragen dazu bei, dass sich Frust und Anspannung aufbauen. In solchen Situationen reicht oft ein kleiner Auslöser, um Konflikte eskalieren zu lassen. Auch gesellschaftliche Entwicklungen spielen eine Rolle. Eine sinkende Hemmschwelle für aggressives Verhalten, steigende Erwartungen an medizinische Versorgung und eine insgesamt angespanntere Stimmungslage wirken sich unmittelbar auf den Klinikalltag aus. Das Gesundheitssystem wird dabei zunehmend zum Spiegel dieser Entwicklungen.

So können technische oder organisatorische Einzelmaßnahmen zwar dabei helfen, akute Situationen besser zu bewältigen, setzen aber selten an der Wurzel des Problems an. Langfristig braucht es daher umfassendere Ansätze, die sowohl strukturelle als auch gesellschaftliche Faktoren berücksichtigen. Dazu gehört unter anderem eine bessere Steuerung von Patient:innenströmen, um Notaufnahmen gezielt zu entlasten. Ebenso wichtig sind ausreichende personelle Ressourcen, klare Versorgungsstrukturen und transparente Abläufe, die Erwartungen realistischer gestalten. Auch die Stärkung der Kommunikation – sowohl innerhalb der Einrichtungen als auch gegenüber Patient:innen – kann dazu beitragen, Missverständnisse und Konflikte zu reduzieren.

Diese Seminare und Weiterbildungen könnten Sie interessieren:
Intensivseminar Krankenhausleitung für Ärztliche Direktor:innen und Chefärzt:innen
Intensivseminar Krankenhausmanagement
mibeg Lunchtime Talks