Welche finanziellen und organisatorischen Auswirkungen haben die veränderten MD-Prüfquoten auf die Krankenhäuser? Im 27. mibeg Lunchtime Talk am 2. November 2026 erläuterte Dr. Thorsten Haasler, Leiter Operatives Medizincontrolling am Universitätsklinikum Köln, welche Herausforderungen sich für das Medizincontrolling ergeben und wie sich Krankenhäuser auf die neuen Rahmenbedingungen vorbereiten können.
Im Mittelpunkt standen die vorgesehenen Änderungen der MD-Prüfquoten ab 2027. Durch die veränderten Schwellenwerte können sich die Prüfvolumina für einzelne Krankenhäuser erheblich erhöhen. Bei einer Erfolgsquote von unter 65 Prozent sind Prüfquoten von bis zu 40 Prozent möglich, bei einer Erfolgsquote von unter 50 Prozent sogar unbegrenzte Prüfungen. Hinzu kommt eine Anhebung der Strafzahlung bei beanstandeten Abrechnungen von 400 auf 500 Euro. Damit steigen sowohl die wirtschaftlichen Risiken als auch die Anforderungen an eine verlässliche medizinische Dokumentation und Abrechnung.
Welche finanziellen Auswirkungen dies haben kann, verdeutlichte Dr. Haasler anhand einer Modellrechnung für ein fiktives Universitätsklinikum mit jährlich 60.000 Behandlungsfällen. Bei einer angenommenen Erfolgsquote von 56 Prozent und einer Erhöhung der Prüfquote von bisher 10 auf 28 Prozent ergaben sich im Basisszenario zusätzliche Erlösverluste von rund 13 Millionen Euro. Die Berechnung zeigt, welche Größenordnungen entstehen können. Für die Wirtschaftsplanung ist deshalb eine frühzeitige, krankenhausindividuelle Bewertung der möglichen Erlösrisiken erforderlich.
Neben den finanziellen Folgen ging Dr. Haasler ausführlich auf die organisatorischen Konsequenzen ein. Mit steigenden Prüfquoten wächst auch der Bearbeitungsaufwand im Medizincontrolling. Bei einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von 45 Minuten je MD-Fall erhöht sich der jährliche Aufwand im dargestellten Modell von rund 5.250 auf 13.800 Stunden. Hinzu kommen Aufgaben wie die Einhaltung von Fristen, die Bearbeitung von Widersprüchen, das Berichtswesen sowie die Beratung und Schulung der klinischen Fachabteilungen. Die personellen und strukturellen Kapazitäten müssen daher frühzeitig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Bedeutung eines gezielten MD-Berichtswesens. Um Risiken frühzeitig zu erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten, benötigen Krankenhäuser Transparenz über ihre Prüfverfahren. Dazu gehören unter anderem die Anzahl angefragter und bearbeiteter Fälle, Erfolgs- und Kürzungsquoten, finanzielle Verluste sowie die häufigsten Prüfgründe. Insbesondere auf Ebene der einzelnen Fachabteilungen lassen sich daraus konkrete Handlungsfelder ableiten. Ein systematisches Monitoring kann damit nicht nur der wirtschaftlichen Steuerung dienen, sondern auch die gezielte Prävention unterstützen.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Dr. Haasler der medizinischen Dokumentation. Bei MD-Prüfungen muss die Notwendigkeit einer stationären Behandlung anhand der dokumentierten Befunde, Maßnahmen und ärztlichen Bewertungen nachvollziehbar sein. Gerade bei Prüfungen der Verweildauer kommt es darauf an, den Behandlungsverlauf und die medizinischen Gründe für eine weitere stationäre Versorgung ausreichend zu dokumentieren. Eine hohe medizinische Behandlungsqualität allein reicht nicht aus, wenn sich die zugrunde liegenden Entscheidungen im Prüfverfahren nicht nachvollziehen lassen.
Damit gewinnt auch die Zusammenarbeit zwischen Medizincontrolling, ärztlichem Dienst und weiteren klinischen Bereichen an Bedeutung. Die Analyse wiederkehrender Prüfgründe, gezielte Schulungen und die kontinuierliche Verbesserung von Dokumentationsprozessen können dazu beitragen, Erlösrisiken zu reduzieren. Voraussetzung dafür sind geeignete organisatorische Strukturen und ein gemeinsames Verständnis der Anforderungen.
Zum Abschluss wurde deutlich, dass die veränderten MD-Prüfquoten weit über die operative Bearbeitung einzelner Prüfverfahren hinausreichen. Medizincontrolling übernimmt zunehmend eine wichtige Rolle an der Schnittstelle zwischen medizinischer Dokumentation, Erlössicherung und wirtschaftlicher Steuerung. Krankenhäuser sollten deshalb mögliche Erlösreduzierungen frühzeitig in ihrer Wirtschaftsplanung berücksichtigen, die personellen Ressourcen überprüfen und geeignete Frühwarnsysteme entwickeln. Eine kontinuierliche Auswertung der Prüfverfahren schafft die Grundlage, um Risiken rechtzeitig zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.
Wer die fachlichen und strategischen Zusammenhänge des Medizincontrollings vertiefen möchte, hat dazu in der Weiterbildung Medical-Controlling der mibeg-Institute Gelegenheit. Die berufsbegleitende Weiterbildung vermittelt fundierte Kenntnisse zu Krankenhausabrechnung, Kodierung, Erlössicherung und wirtschaftlichen Steuerungsprozessen und verbindet diese mit praxisnahen Fragestellungen aus dem Klinikalltag.
Der nächste Kurs startet am 27. November 2026.