Führung, die lernende Organisationen möglich macht

Lernende Organisationen entstehen nicht allein durch Weiterbildung, Reflexionsformate oder Wissensmanagement. Sie entstehen auch nicht dadurch, dass Führungskräfte ihre Mitarbeitenden regelmäßig dazu auffordern, offen zu kommunizieren, Verantwortung zu übernehmen und Veränderungen mitzugestalten. Ob eine Organisation tatsächlich lernen kann, hängt wesentlich davon ab, wie Führung gestaltet und im Alltag ausgeübt wird.

In den bisherigen Beiträgen dieser Reihe haben wir verschiedene Voraussetzungen organisationalen Lernens betrachtet: die Fähigkeit, Veränderung als kontinuierlichen Lernprozess zu verstehen, Räume und Routinen für Reflexion zu schaffen, Erkenntnisse in Strukturen und Entscheidungen zu überführen und kritisches Wissen so zu sichern, dass es nicht ausschließlich an einzelne Personen gebunden bleibt. Dabei zeigt sich ein durchgängiges Muster: Organisationale Lernfähigkeit braucht nicht nur lernbereite Menschen. Sie braucht Rahmenbedingungen, die Lernen ermöglichen, Führung gestaltet dabei einen wesentlichen Teil dieser Rahmenbedingungen.

Führung ist mehr als Entscheiden und Kontrollieren

In traditionellen Führungsvorstellungen wird Führung häufig stark mit Entscheidung, Kontrolle und fachlicher Orientierung verbunden. Die Führungskraft kennt den Weg, entscheidet über das Vorgehen, verteilt Aufgaben und überprüft Ergebnisse. Diese Funktionen bleiben wichtig. Eine lernende Organisation benötigt keineswegs weniger Klarheit, weniger Steuerung oder weniger Verantwortung. In komplexen und dynamischen Umfeldern reicht dieses Führungsverständnis jedoch nicht aus. Je komplexer eine Organisation wird, desto weniger kann relevantes Wissen an einer einzigen Stelle vollständig vorhanden sein. Führungskräfte verfügen über andere Informationen als Mitarbeitende, Fachbereiche oder Teams. Strategisches Wissen, Prozesswissen, fachliche Expertise und Erfahrungswissen sind über die Organisation verteilt. Gute Entscheidungen entstehen deshalb zunehmend aus der Verbindung unterschiedlicher Wissensbestände.

Damit verändert sich die Führungsaufgabe. Führung besteht nicht nur darin, selbst Entscheidungen zu treffen oder Antworten zu geben. Sie muss ein System gestalten, in dem relevantes Wissen sichtbar wird, Entscheidungen auf einer sinnvollen Ebene getroffen werden können und aus Erfahrungen tatsächlich Veränderungen entstehen. Führung wird damit zu einem zentralen Bestandteil der organisationalen Lernarchitektur.

Orientierung statt Mikromanagement

Lernende Organisationen brauchen Handlungsspielräume. Handlungsspielräume funktionieren jedoch nur, wenn Menschen wissen, woran sie ihr Handeln ausrichten sollen. Deshalb beginnt lernorientierte Führung mit Orientierung. Diese entsteht durch Klarheit über Ziele, Prioritäten, strategische Zusammenhänge, verbindliche Rahmenbedingungen und bestehende Gestaltungsspielräume.

Gerade in Veränderungsphasen ist diese Funktion zentral. Führungskräfte können Unsicherheit nicht vollständig beseitigen. Politische, wirtschaftliche oder technologische Rahmenbedingungen sind häufig selbst noch in Bewegung. Umso wichtiger ist die Fähigkeit, transparent zwischen dem zu unterscheiden, was bereits entschieden ist, was noch offen bleibt und anhand welcher Kriterien weitere Entscheidungen getroffen werden.

Orientierung bedeutet dabei nicht, möglichst viele Vorgaben zu machen. Sie schafft vielmehr einen Rahmen, in dem Mitarbeitende Entscheidungen eigenständig einordnen können. Eine Organisation wird nicht dadurch handlungsfähig, dass jede Entscheidung nach oben weitergegeben wird. Sie wird handlungsfähig, wenn Menschen die Ziele und Leitplanken so gut verstehen, dass sie innerhalb ihres Verantwortungsbereichs sinnvoll entscheiden können.

Verantwortung braucht echte Entscheidungsräume

Damit führt lernorientierte Führung unmittelbar zur Entscheidungsarchitektur. In vielen Organisationen wird Verantwortung übertragen, ohne gleichzeitig die notwendigen Entscheidungsmöglichkeiten mitzugeben. Mitarbeitende oder Teams sind formal für Ergebnisse verantwortlich, müssen zentrale Fragen aber weiterhin auf der nächsthöheren Ebene klären. Das erzeugt Abhängigkeit und verlangsamt die Organisation. Umgekehrt führt eine weitreichende Delegation ohne Zielklarheit oder klare Grenzen nicht automatisch zu guter Selbstorganisation.

Eine tragfähige Entscheidungsarchitektur verbindet deshalb vier Elemente miteinander: Aufgabe, Verantwortung, Entscheidungskompetenz und Leitplanken. Die Aufgabe beschreibt, welches Ergebnis erreicht werden soll. Verantwortung klärt, wer dafür einsteht. Entscheidungskompetenz definiert den tatsächlichen Handlungsspielraum. Leitplanken geben Orientierung darüber, innerhalb welcher Grenzen Entscheidungen getroffen werden können. Fehlt eines dieser Elemente, entstehen typische Dysfunktionen.

Verantwortung ohne Entscheidungsspielraum führt dazu, dass Probleme immer wieder nach oben eskalieren. Entscheidungsspielraum ohne Orientierung erzeugt Unsicherheit. Unklare Verantwortung führt dazu, dass Entscheidungen zwischen Funktionen wandern. Und formale Verantwortung ohne Zugriff auf notwendige Ressourcen bleibt wirkungslos. Für lernende Organisationen ist das besonders relevant. Erkenntnisse aus Reflexion, Erfahrung oder Wissensaustausch können nur dann zu verändertem Handeln führen, wenn dort, wo ein Problem erkannt wird, auch ein realistischer Weg zur Entscheidung besteht.

Was nicht sichtbar wird, kann nicht gelernt werden

Organisationen können nur auf Informationen reagieren, die sichtbar werden. Eine zentrale Führungsaufgabe besteht darin, Informationsflüsse zu gestalten. Dabei wird Kommunikation häufig vor allem top-down gedacht: Ziele werden vermittelt, Entscheidungen erklärt und Informationen weitergegeben. Für organisationales Lernen ist der umgekehrte Weg mindestens ebenso wichtig.

Führung benötigt Wissen aus der Praxis. Dazu gehören nicht nur Kennzahlen und Statusberichte, sondern auch Abweichungen, Risiken, Unsicherheiten, unerwartete Nebenwirkungen, informelle Lösungen und Hinweise darauf, wo Prozesse im Alltag nicht funktionieren. Je weiter Führung von der operativen Arbeit entfernt ist, desto größer wird das Risiko gefilterter Informationen. Probleme werden vor der Weitergabe abgeschwächt. Unsicherheiten werden aus Statusberichten entfernt. Mitarbeitende überlegen, ob ein Thema wirklich relevant genug ist, um es nach oben zu tragen. Führungsebenen erhalten dadurch möglicherweise ein geordneteres, aber weniger vollständiges Bild der Realität.

Für eine lernende Organisation ist das problematisch, denn gerade Abweichungen und schlechte Nachrichten enthalten häufig besonders wertvolle Informationen. Sie zeigen frühzeitig, wo Annahmen nicht tragen, Prozesse instabil werden oder Risiken entstehen. Informationsfluss ist deshalb keine reine Kommunikationsfrage. Er ist Teil der organisationalen Steuerungsfähigkeit.

Psychologische Sicherheit ist keine Wohlfühlzone

An diesem Punkt wird psychologische Sicherheit zentral. Amy Edmondson beschreibt psychologische Sicherheit als die gemeinsame Wahrnehmung eines Teams, dass zwischenmenschliche Risiken eingegangen werden können – etwa Fragen zu stellen, Fehler anzusprechen, Unsicherheit einzugestehen oder einer bestehenden Einschätzung zu widersprechen. Dieser Zusammenhang ist unmittelbar relevant, denn Lernen setzt voraus, dass auch solche Informationen sichtbar werden, die bestehende Annahmen, Entscheidungen oder Routinen infrage stellen.

Wenn Mitarbeitende erwarten müssen, für solche Beiträge persönlich abgewertet, bloßgestellt oder sanktioniert zu werden, verändert sich ihr Kommunikationsverhalten. Relevante Informationen werden dann eher zurückgehalten, abgeschwächt oder erst verspätet eingebracht. Damit entsteht nicht nur ein zwischenmenschliches Problem. Die Organisation verliert einen Teil ihrer Informationsgrundlage. 

Im Gesundheitswesen ist dieser Zusammenhang gut untersucht. Systematische Reviews zeigen, dass psychologische Sicherheit unter anderem mit Speaking-up-Verhalten, Teamlernen, Zusammenarbeit und der Fähigkeit verbunden ist, Fehler und Risiken anzusprechen. Gleichzeitig spielen Hierarchie, Führungsverhalten und die Erfahrung, ob Rückmeldungen tatsächlich Wirkung haben, eine wichtige Rolle. Psychologische Sicherheit ist deshalb nicht nur ein Kulturthema, sie ist eine Voraussetzung für Informationsqualität und organisationales Lernen.

Hohe Ansprüche und Sicherheit gehören zusammen

Gerade deshalb ist eine klare Abgrenzung wichtig: Psychologische Sicherheit bedeutet weder Konfliktvermeidung noch die Aufhebung von Leistungsanforderungen. Sie bedeutet auch nicht, dass jede Perspektive gleich gewichtet oder jede Entscheidung bis zu vollständigem Konsens diskutiert werden muss.

Lernende Organisationen benötigen weiterhin klare Standards, Verbindlichkeit und einen hohen Qualitätsanspruch. Mitarbeitende sollen Probleme ansprechen können und zugleich Verantwortung für ihre Aufgaben und Ergebnisse übernehmen. Entscheidungen dürfen hinterfragt werden; nach ihrer Klärung müssen sie jedoch verbindlich umgesetzt werden, solange keine neuen relevanten Informationen vorliegen. Fehler sollen sichtbar gemacht und analysiert werden, ohne dass dadurch Verantwortlichkeit grundsätzlich aufgehoben wird.

Psychologische Sicherheit und Leistungsorientierung stehen daher nicht im Widerspruch. Im Gegenteil: Hohe Qualität setzt voraus, dass relevante Abweichungen, Risiken und Probleme frühzeitig sichtbar werden können.

Führung prägt die Qualität der verfügbaren Informationen 

Formale Leitbilder und Führungsgrundsätze schaffen zunächst einen normativen Rahmen. Ob psychologische Sicherheit tatsächlich entsteht, zeigt sich erst im konkreten Führungs- und Interaktionsverhalten. Dabei haben insbesondere Reaktionen auf Kritik, Fehler, Unsicherheit und Widerspruch eine hohe Signalwirkung. Eine Organisation kann Offenheit ausdrücklich einfordern. Wenn kritische Rückmeldungen jedoch defensiv beantwortet oder als persönliche Infragestellung interpretiert werden, entsteht faktisch ein anderes Kommunikationsmuster. Ähnliches gilt für Fehler. Wird unmittelbar nach individueller Verantwortlichkeit gesucht, bevor Ursachen, Rahmenbedingungen und Prozesszusammenhänge geklärt wurden, wird das Verhalten der Mitarbeitenden anders geprägt als in einem Umfeld, das zunächst auf Aufklärung und Lernen ausgerichtet ist.

Auch die weitere Bearbeitung von Rückmeldungen ist relevant. Werden Probleme wiederholt adressiert, ohne dass erkennbar wird, wie sie bewertet oder weiterverfolgt wurden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeitende künftig erneut Informationen einbringen.

Forschung zu Speaking-up im Gesundheitswesen zeigt entsprechend, dass die Bereitschaft, Bedenken zu äußern, nicht allein von persönlichen Eigenschaften abhängt. Führungsverhalten, Hierarchie, wahrgenommene Wirksamkeit des Ansprechens und erwartete Reaktionen des Umfelds beeinflussen maßgeblich, ob Informationen tatsächlich sichtbar werden. Führung wird damit zu einem wesentlichen Bestandteil des Informationssystems einer Organisation.

Reflexion ohne Entscheidung bleibt folgenlos

In einem früheren Beitrag dieser Reihe haben wir Reflexionsräume und Routinen als Grundlage organisationalen Lernens betrachtet. Für Führung ergibt sich daraus eine weitere Aufgabe: Reflexion muss mit klaren Entscheidungs- und Umsetzungswegen verbunden werden. Wenn Teams regelmäßig Erfahrungen auswerten und Verbesserungspotenziale identifizieren, aber unklar bleibt, wer daraus Konsequenzen ableitet, verliert Reflexion auf Dauer an Wirksamkeit. Eine lernende Organisation benötigt deshalb einen verlässlichen Übergang von Beobachtung zu Entscheidung.

Dabei sollte geklärt sein,

  • welche Themen auf Teamebene bearbeitet werden können,
  • welche Veränderungen Entscheidungen auf einer anderen Ebene erfordern,
  • wer die Weiterbearbeitung verantwortet,
  • welche Informationen dafür benötigt werden
  • und wie über Entscheidungen und deren Umsetzung rückgekoppelt wird.

Führung verbindet damit Reflexionsräume und Entscheidungsarchitektur. Erst dadurch wird aus Beteiligung tatsächliche organisationale Wirksamkeit.

Lokales Wissen muss Grenzen überwinden

Auch beim Wissenstransfer übernimmt Führung eine zentrale Funktion, denn Lernen entsteht häufig zunächst lokal. Teams entwickeln bessere Vorgehensweisen, Projektgruppen finden Lösungen oder einzelne Bereiche optimieren ihre Prozesse. Nicht jede dieser Erfahrungen ist automatisch auf andere Bereiche übertragbar. Dennoch braucht eine Organisation Mechanismen, mit denen erkannt werden kann, wann lokales Wissen über seinen Entstehungsort hinaus relevant wird.

Führungskräfte an Schnittstellen übernehmen dabei eine wichtige Übersetzungsfunktion. Sie verbinden operative Erfahrungen mit übergeordneten Zielen und können dazu beitragen, dass relevantes Wissen Bereichs-, Funktions- oder Hierarchiegrenzen überschreitet.

Eine lernende Organisation benötigt dezentrale Expertise. Gleichzeitig muss sie in der Lage sein, relevantes Wissen zwischen diesen dezentralen Einheiten zirkulieren zu lassen. Führung trägt dazu bei, diese Verbindungen herzustellen und Übertragbarkeit systematisch zu prüfen.

Lernen braucht Raum für Erprobung

Dabei muss es nicht für jede Veränderung bereits im Voraus eine vollständig belastbare Lösung besitzen. Unter komplexen Bedingungen kann es sinnvoll sein, neue Ansätze zunächst in einem begrenzten Rahmen zu erproben. Ein solcher Ansatz unterscheidet sich jedoch deutlich von unsystematischer Veränderung. Ein Experiment braucht eine nachvollziehbare Annahme, einen definierten Rahmen und Kriterien, anhand derer seine Wirkung bewertet werden kann. Führung schafft hierfür die notwendigen Voraussetzungen.

Sie kann Erprobungsräume eröffnen, ohne unmittelbar organisationsweite Standards zu verändern. Gleichzeitig stellt sie sicher, dass Ergebnisse ausgewertet und erfolgreiche Ansätze gegebenenfalls auf andere Bereiche übertragen werden. Damit verbindet Führung Innovation und Verbindlichkeit.

Die Organisation muss nicht jede neue Idee sofort skalieren. Sie benötigt jedoch einen strukturierten Weg, um neue Ansätze zu testen, ihre Wirkung zu bewerten und erfolgreiche Lösungen zu institutionalisieren.

Erkenntnisse müssen im System ankommen

Damit schließt sich der Kreis zu den vorherigen Beiträgen. Lernen endet nicht bei Erfahrung. Es endet auch nicht bei Reflexion, Wissensaustausch oder einer guten Idee. Eine Organisation lernt erst dann dauerhaft, wenn Erkenntnisse zukünftiges Handeln verändern.

Führung übernimmt dabei eine verbindende Funktion. Sie sorgt dafür, dass relevante Beobachtungen sichtbar werden, Verantwortlichkeiten geklärt sind, notwendige Entscheidungen getroffen werden und erfolgreiche Veränderungen in Prozesse oder Strukturen überführt werden.

Dazu gehört auch die systematische Überprüfung der Wirkung. So kann beispielsweise geprüft werden, ob eine veränderte Übergabe tatsächlich Informationsverluste reduziert, eine neue Entscheidungskompetenz funktioniert, eine veränderte Vertretungsstruktur personelle Abhängigkeiten verringert oder ein Pilotprojekt den erwarteten Nutzen erbracht hat. Lernorientierte Führung verbindet deshalb Entscheidung und Rückkopplung. Nicht jede Veränderung muss erfolgreich sein. Entscheidend ist, dass die Organisation aus den Ergebnissen ihrer Veränderungen weiterlernen kann.

Auch Führung braucht die richtigen Rahmenbedingungen

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Verantwortung für diese Aufgaben ausschließlich einzelnen Führungskräften zuzuschreiben. Führung findet selbst innerhalb organisationaler Strukturen statt. Eine Führungskraft kann Verantwortung nur begrenzt übertragen, wenn Entscheidungen auf der nächsthöheren Ebene regelmäßig wieder zentralisiert werden. Sie kann nur schwer Orientierung geben, wenn strategische Ziele unklar bleiben. Sie kann psychologische Sicherheit im eigenen Team fördern, aber nur begrenzt kompensieren, wenn Fehler auf organisationaler Ebene systematisch sanktioniert werden.

Auch Reflexion lässt sich nur schwer dauerhaft etablieren, wenn Steuerung ausschließlich auf kurzfristige Auslastung ausgerichtet ist. Ebenso bleibt bereichsübergreifender Wissenstransfer begrenzt, wenn Organisationsstrukturen Funktionen konsequent voneinander abschotten.

Deshalb gilt auch für Führung: Gute Führung entsteht nicht allein durch gute Führungskräfte. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen das gewünschte Führungsverhalten tatsächlich möglich ist. Dazu gehören klare Ziele, nachvollziehbare Entscheidungswege, reale Entscheidungsspielräume, geeignete Informationswege, eine sinnvolle Verteilung von Verantwortung und ausreichend Zeit für Führungsarbeit.

Leadership Development und Organisationsentwicklung lassen sich deshalb nicht vollständig voneinander trennen. Wer Führung verändern will, muss immer auch das System betrachten, in dem Führung stattfindet.

Was lernorientierte Führung konkret leistet

Die bisherigen Überlegungen lassen sich in sechs miteinander verbundene Funktionen zusammenführen.

  1. Orientierung schaffen
    Führung vermittelt Ziele, Prioritäten und Leitplanken und schafft damit die Grundlage für selbstständige Entscheidungen.
  2. Entscheidungsräume gestalten
    Verantwortung, Entscheidungskompetenz und Ressourcen werden so miteinander verbunden, dass Mitarbeitende tatsächlich handeln können.
  3. Informationsfluss ermöglichen
    Relevante Informationen bewegen sich nicht nur top-down, sondern auch aus der Praxis zu den Stellen, an denen sie für Entscheidungen benötigt werden.
  4. Psychologische Sicherheit ermöglichen
    Menschen können Fehler, Risiken, Unsicherheit und abweichende Perspektiven sichtbar machen, ohne persönliche Sanktionen befürchten zu müssen.
  5. Lernen in Handeln übersetzen
    Erkenntnisse führen zu Entscheidungen, Verantwortlichkeiten und überprüfbaren Veränderungen.
  6. Lernen institutionalisieren
    Wirksame Lösungen und neue Erkenntnisse werden in Prozesse, Strukturen und Routinen überführt und dadurch über einzelne Personen oder Situationen hinaus wirksam.

Diese Funktionen sind voneinander abhängig. Orientierung ohne Handlungsspielraum erzeugt Abhängigkeit. Handlungsspielraum ohne Orientierung erzeugt Unsicherheit. Psychologische Sicherheit ohne Entscheidungsfähigkeit führt zu offenen Gesprächen ohne Konsequenz. Entscheidungsspielräume ohne ausreichenden Informationsfluss beeinträchtigen die Qualität von Entscheidungen. Reflexion ohne Institutionalisierung erzeugt Erkenntnisse, die langfristig wieder verloren gehen können.

Lernorientierte Führung ist deshalb weniger als einzelner Führungsstil zu verstehen, sondern als System von Rahmenbedingungen, das Lernen und Handlungsfähigkeit miteinander verbindet.

Fazit: Führung gestaltet die Bedingungen, unter denen Organisationen lernen

Am Anfang dieser Reihe stand die Frage, wie Organisationen unter kontinuierlicher Veränderung lernfähig bleiben können. Die Antwort liegt nicht in einem einzelnen Instrument. Lernende Organisationen beobachten Entwicklungen, reflektieren Erfahrungen, machen Wissen verfügbar und überführen Erkenntnisse in Entscheidungen, Prozesse und Strukturen. Sie reduzieren kritische Wissensabhängigkeiten und überprüfen, ob Veränderungen tatsächlich Wirkung entfalten.

Führung verbindet diese Elemente. Sie schafft Orientierung und Entscheidungsräume, ermöglicht den Zugang zu relevanten Informationen, verbindet Verantwortung mit Handlungsspielraum und sorgt dafür, dass Reflexion in Umsetzung überführt werden kann. Gleichzeitig trägt sie dazu bei, dass einmal gewonnene Erkenntnisse nicht wieder verloren gehen.

Damit verändert sich auch das Verständnis guter Führung. Führung bedeutet nicht, möglichst viele Entscheidungen selbst zu treffen oder für jede Situation bereits die richtige Antwort zu kennen. Führung bedeutet, Rahmenbedingungen zu gestalten, in denen Menschen ihre Stärken entfalten, Verantwortung übernehmen und eigenständig wirksam werden können – und in denen ihre Erfahrungen und ihr Wissen zugleich zur Weiterentwicklung der Organisation beitragen. 

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Dr. Shermineh Shahi

Dr. Shermineh Shahi ist Institutsleiterin bei den mibeg-Instituten und verfügt über langjährige Erfahrung in der Entwicklung von Bildungsangeboten sowie in der Begleitung von Fach- und Führungskräften im Gesundheitswesen. Nach ihrer Promotion in Biologie an der Universität Amsterdam wechselte sie in die Erwachsenenbildung und übernahm zunehmend Verantwortung für die Entwicklung von Programmen, Prozessen und organisationalen Strukturen.

Mit ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund verbindet sie analytisches und systemisches Denken mit einem besonderen Interesse an Organisationsentwicklung, Führung und lernenden Organisationen. Durch ihre langjährige Zusammenarbeit mit Fach- und Führungskräften, Kliniken, Verbänden und weiteren Akteuren des Gesundheitswesens beschäftigt sie sich zudem intensiv mit aktuellen Entwicklungen und Veränderungsprozessen in der Branche. Im Mittelpunkt steht für sie die Frage, wie Wissen und Erfahrungen in die Praxis übertragen und nachhaltig in Organisationen verankert werden können.